60 Jahre soziales, kulturelles und sozialpädagogisches Engagement im deutsch-
dänischen Grenzraum.
Grenzverbände
Die Grenzverbände
- ADS-Grenzfriedensbund e.V. Arbeitsgemeinschaft Deutsches Schleswig
- Deutscher Grenzverein
- Schleswig Holsteinischer Heimatbund
Grenzkultur im europäischen Vergleich
Die Grenzverbände gehören zu den ältesten Vereinen in Schleswig-Holstein. Als politisch erfahrene Vereine/Institutionen haben sie ihre Aufgaben stets weiterentwickelt und modernisiert. Ihr Innovationspotential zeigt sich im kulturellen, sozialen, politischen und ökonomischen Bereich. Für die Arbeit im 21. Jhd. geben sie eine gemeinsame Willenserklärung und Zielformulierung ab, um vor dem Hintergrund der europäischen Entwicklung Grenzen zu überwinden und regionale Identität zu stärken.
Die Zukunft der Grenzverbände
Was sind und was tun Grenzverbände?
Ein Grenzverband hat die Aufgaben, Beobachtungen und Analysen anzustellen, wie die Verhältnisse an der deutsch-dänischen Grenze beschaffen sind, welche Entwicklungen und Probleme sich ergeben oder wie Verbesserungen für das Zusammenleben beidseitig der Grenze geschaffen werden können. Diese Analyse ist nicht unwichtig geworden, wie wir vor einigen Wochen im Zusammenhang mit der Landtagswahl in Schleswig-Holstein erneut erfahren haben.
Zum Aufgabenbereich der Grenzverbände gehören auch das Beschreiben und das Informieren; denn die Information darüber, aufgrund welcher historischen und politischen Voraussetzungen die dänische und die deutsche Minderheit existieren und welche Lebensformen für Minderheiten und Mehrheiten bestehen, nimmt – trotz der zahlreichen Informationsmöglichkeiten oder vielleicht gerade wegen dieser – proportional mit der Entfernung zur Grenze ab.
Darüber hinaus haben Grenzverbände sich mit der Strukturierung von kultureller Arbeit an der Grenze zu beschäftigen. Aus der Strukturierung dieser kulturellen Arbeit an der Grenze ergibt sich auch ein weiterer Aspekt, nämlich die Moderation von Kulturarbeit nördlich und südlich der Grenze und auch jeweils zwischen Mehrheit und Minderheit im jeweiligen Staat. Es ist festzustellen, dass es heute eine große Fülle von guten, anerkennenden Beobachtungen und Beschreibungen über die Entwicklung an unserer Grenze gibt. Man wird kaum noch Klagen, negative Äußerungen über diese Grenze vernehmen; das Wort „Modellregion“ wird mit mehr oder weniger Skrupeln für die deutsch-dänische Grenzregion angewendet.
Ist angesichts der schwindenden Bedeutung von Grenzen in Europa gerade diese entspannte und leicht zu überschreitende deutsch-dänische Grenze überhaupt noch eine Trennlinie, eine die Nationen separierende Linie?
Nach wie vor haben wir hier eine Grenze zwischen den Kulturen Deutschlands und Dänemarks; darauf bestehen auch die Minderheiten und drauf ruht auch deren Fundament. Also noch immer ist diese Grenze Thema der Grenzverbände. Darüber hinaus geht es heute bei den Grenzverbänden nicht mehr allein um die Frage der deutsch-dänischen Grenze, sondern mehr und mehr um das Thema „Menschen an Grenzen“. In diesem Zusammenhang kommen die Grenzvereine natürlich über den eigentlichen, ursprünglichen Raum hinaus und müssen die europäischen Grenzen mit bedenken. Daraus ergeben sich auch Antworten auf die Frage, welche Rolle Grenzverbände in Europa spielen. Man kann zunächst davon ausgehen, dass das Leben an den Grenzen heute besser geregelt wird und werden wird, weil es europäische Konventionen, Gesetze und Gerichte gibt, die in starkem Umfang bereits in den Alltag eingreifen und das Leben jenseits von Grenzen europaweit ordnen und erleichtern. Aber die allgemeine Beobachtung ist auch, dass die Regionen ihre Identität erhalten, ihre Rechte bewahren und ihr eigenes Leben führen wollen.
Europa- und weltweit konkurrieren Regionen wirtschaftlich miteinander. Um die Region zu stärken, um den Regionen eine eigene Rolle und Identität zu geben, konkurrieren sie auch kulturell miteinander. Diese Konkurrenz findet heute zum Teil schon mehr zwischen den Regionen als den Nationen statt. Das führt so weit, dass die Regionen emotional und kulturell abgegrenzt werden, um zu neuen Identitäten zu kommen.
Dass Menschen ohne Identitäten zufrieden in der „Gemeinschaft“ in einer Gesellschaft leben können, ist aller Erfahrung nach – sicherlich mit Ausnahmen – unwahrscheinlich. Dabei bekommt der nationalstaatliche Bezug einen immer geringeren Wert, während das Regionale eine immer stärkere Position gewinnt. Die Beziehungen, Kooperationen und Konkurrenzen zwischen Regionen stehen im Verhältnis zu/zwischen Nationen in einem zunehmenden Entwicklungstrend. Noch sind allerdings Nationen dringend erforderlich, um ökonomische regionale Ungleichgewichte aufzufangen und soziale Sicherheiten herzustellen und auch um kulturelle Einheiten zu umreißen.
Das Wort vom Europa ohne Grenzen ist in vielen Köpfen und wird immer mehr Wirklichkeit – ohne Frage ein sehr erstrebenswertes Ziel – eine Notwendigkeit. Was ist das Grenzenlose, das Grenzüberschreitende an Europa? Das Augenfälligste ist derzeit der Wegfall der Pass- und Grenzkontrollen und damit das ungestörte Queren von einem europäischen Staat in den anderen. Die Erleichterung des Reisens, des Transports, z. T. schon des Geldverkehrs – wenn auch nicht zwischen Deutschland und Dänemark. Aber jeder Einzelstaat ist noch für seine Haushaltsentwicklung verantwortlich und Länder mit hohen Arbeitslosenzahlen grenzen an Länder mit niedrigen. Länder mit hohen Sozialabgaben grenzen an solche mit niedrigen. Diese ziehen wiederum die industrielle Fabrikation an sich – siehe die Entwicklung in den neuen Beitrittsländern. Die Staaten sind immer noch für sich die Sozialversicherer, die Arbeitslosenunterstützer, das soziale Netz für ihre Bürger.
Doch davon merkt man an den Grenzen nicht unbedingt etwas. Spürbar bleibt der Währungsunterschied und die Sprache. Mit der Sprache verbunden sind eine große Zahl von anderen weiteren Differenzen. Noch ist die Geschichte der Kulturen stark mit der Geschichte der Nationen verbunden und die Geschichte der Nationen seit dem letzten Jahrhundert mit der Geschichte der Sprache. Sprache ist nach wie vor das deutlichste Unterscheidungsmerkmal zwischen Staaten, Kulturen und anderen Formen von Gemeinschaften, also z. B. zwischen Minderheit und Mehrheit. Sie ist das einleuchtendste und deutlichste Symptom für das Trennende, für das Andere. Und Deutschland ist im Verhältnis zu anderen Ländern auch immer noch deutlich ein Einsprachenland. Was sind die Grundlagen der eigenen Kultur?
Wenn man fragt, was haben die Grenzverbände in der Phase der Auseinandersetzung um Minderheit und Mehrheit am ehesten geleistet, wo liegen die heutigen Aufgabengebiete: dann geht es genau um die Beschäftigung mit diesen Fragen, nämlich wo und was sind die eigenen Kulturen, was ist die Eigenständigkeit von Kultur? Was ist das Besondere, das Unterscheidende und Trennende, und – zunächst einmal – was ist das, was dazu führt, dass man sich zusammengehörig fühlt. Was sind die Grundlagen der eigenen Kultur? In diesem Jahr gab es eine Reihe von Veranstaltungen im Zusammenhang mit den Feiern zum 50. Jubiläum der Bonn-Kopenhagener Erklärungen. Das Thema Minderheit und Mehrheit in Schleswig-Holsteins Norden wurde dadurch wieder in die breite Öffentlichkeit gebracht. Minderheiten sind kein virulentes, kein ständiges Thema. Minderheit und Mehrheit sollten ein ständiges Thema sein, wenn die Entwicklung zum Miteinander tatsächlich Erfolg haben soll.
Derzeit gibt es deutliche Hinweise darauf, dass Minderheit und Mehrheit nebeneinander leben. Minderheiten haben mit Recht einen Anspruch darauf, dass sie sich zunächst auf sich selbst besinnen, dass sie ihre Rolle selbst finden. Dies ist erforderlich, damit sie sich mit einer eigenen Position gegen andere – insbesondere gegen die Mehrheitsgesellschaft – absetzen können und nicht assimiliert werden. Dieses leisten die Minderheiten auch nach wie vor, indem sie das Argument der Nation für sich selbst nutzen. Mit der Integration nach innen verbunden ist gleichzeitig der Vorrang der Sprache.
Nation und Sprache sind in einem gegenseitigen definitorischen Verhältnis, das erst seit dem 19. Jahrhundert Geltung hat. Enge Bindung der Begriffe Nation und Sprache aneinander, die Definition von Nation durch die Sprache ist seit der deutschen Romantik, seit den napoleonischen Annektionskriegen und den im Widerstand der Kriege erwachenden Bewusstsein der Völker zum beherrschenden Thema geworden. Seit dieser Zeit sind die Träger von Sprachen als Träger von Nationen wahrgenommen worden. Wenn man zum Beispiel die Entwicklung der deutsch-dänischen Auseinandersetzung genau betrachtet, dann gilt ab Mitte des 19. Jahrhunderts, dass man über Statistiken von Kirchspielen und Schulen immer wieder festzustellen versucht, wie viel Prozent der Bevölkerung eines Ortes welche Sprache spricht und welches Kirchspiel aufgrund welcher Kirchensprache zu welcher Nation gehört – also was die Volkssprache ist.
Diese Identifikation von Sprache und Volk hat ihre Grenzen; sie wird allein nicht mehr zureichen, um den kulturellen Zusammenhalt einer Gruppe zu bewahren. Heute steht die einzelne Sprache in einem internationalen Konkurrenzfeld mit den großen Weltsprachen, in dem Sprachen, selbst Nationalsprachen, zurückgehen, aussterben. Es wird immer selbstverständlicher, dass an den Universitäten – so besonders in den skandinavischen Staaten – in den Naturwissenschaften das Englische dominiert und dies nicht nur als Schriftsprache, sondern an vielen Universitäten auch als mündliche Sprache. Diese Entwicklung nimmt überall zu. Die Menge an Englisch in den modernen Techniksprachen verursacht auch im Deutschen Funktionsverluste, so dass Bereiche aufgegeben werden. Sprache als Zuordnungselement von Ethnien reicht nicht mehr aus.
Zukunftsaufgabe der Grenzverbände
Es ist zu wichtig, dass die Grenzverbände in eine Neustrukturierung ihrer kulturellen Arbeit eintreten. Dazu gehören einige einfache Fragen: Was sind die Eigenschaften und was sind die Inhalte der Kultur, die wir vertreten, die wir für uns beanspruchen? Wodurch unterscheiden wir, die Grenzverbände, uns von der Kultur nördlich der Grenze? Gibt es entscheidende Unterschiede? Und wodurch unterscheiden wir uns von der Kultur der Minderheit oder die Minderheit sich von uns?
Derzeit wird viel über das Miteinander gesprochen; die gemeinsame kulturelle Geschichte beschrieben: Es gilt, lieber nicht das Eigene zu betonen und das Verbindende herauszulesen. Wir haben offenbar ein hohes Bedürfnis an Harmonie; das ist über die lange Zeit der positiven Entwicklung der Grenzregion sicherlich notwendig gewesen. Nun aber besteht die Gefahr, dass das Harmoniebedürfnis auch die notwendigen Unterschiede einebnet und wir merken dies wegen unserer positiven Absichten vielleicht nicht einmal. Die Mehrheitsbevölkerung nimmt weder die Grenze, noch das Nachbarland, noch die Minderheiten wahr. Es ist selbstverständlich, nach Dänemark in ein Wochenend- oder Ferienhaus zu fahren; in den wenigsten Fällen wird man dadurch Kenner der dänischen Kultur und eben dieser Grundsatz gilt auch für unsere Situation im Grenzland. Die Darstellung der eigenen Position, auch der Minderheiten, bleibt oft intern und erreicht die Bevölkerung nicht. Die Funktionäre haben an „ihrem Profil“ zu arbeiten, damit diese Situation verdeutlicht wird. Man könnte hierzu einen schlichten Satz hinzufügen: Je besser die Verwaltung und die Politik funktionieren, desto friedlicher ist der Umgang miteinander. Die Darstellung etwa dänischer Kultur, auch der Minderheit, der deutschen Kultur wiederum in Dänemark, erreichen bisher entweder nur die eigene Klientel oder kleine Randgebiete. Wenn man daraufhin die Medien überprüft, kann man sagen, dass das dänische Kultursegment eines neben anderen ist, das keine eigene Rolle genießt. Die besondere eigene, überwölbende nationale Komponente der dänischen Minderheit wird nicht wahrgenommen – der Gegensatz zur deutschen Kultur, der Voraussetzung für die Wahrnehmung ist, wird nicht beachtet. Es fehlt hier ein öffentlicher, gesellschaftlicher Dissens. Damit soll nun keinesfalls der Grenzkampf geschürt werden.
Ein zureichendes Dissens- oder Differenzkonzept könnte die Definition der eigenen Identität erleichtern. Dies Konzept ist Voraussetzung für die Unterscheidung von dem Eigenen und dem Anderen. Warum, wo und wie sind wir anders als die anderen? Dazu würde natürlich auch gehören, dass man weiß, wer man selbst ist. Es ist schon sehr schwierig, die eigene Kultur zu reflektieren. Wir müssten uns fragen: Was sind unsere Werte? Können wir das so einfach aufzählen? Eine Minderheit kann es aufzählen, eine Mehrheit nicht so leicht. Wir selbst müssen uns besser kennen lernen und den Mut haben, uns zu unterscheiden von anderen. In welcher Weise könnte das geschehen?
In Dänemark läuft derzeit eine große Aktion mit einer Auswahl von kulturellen Produkten, Werken, Angeboten aus Architektur, Filmen, Theater usw. und einem gleichzeitigen Aufruf an die Bevölkerung, auszuwählen, welches ihrer Meinung nach das wichtigste/bedeutendste Werk in Dänemark sei. Dazu werden den Zeitungslesern von Berlingske Tidene Abbildungen bzw. Beschreibungen vorgelegt, über die abgestimmt werden soll.
Wir wäre es, wenn eine solche Aktion auch in Norddeutschland stattfände? Kämen solche Zusammenstellungen deutscher Kultur überhaupt zustande? Könnte man die Bevölkerung für ein derartiges Unternehmen begeistern? Könnten die Befragten diese Herausforderung annehmen? Könnten dies die Grenzverbände, die Wahrer deutscher/schleswig-holsteinischer Kultur leisten?
Die Grenzverbände sollten den Vergleich zwischen den Kulturen zu ihrer Sache machen – was sie zur Zeit noch nicht tun. Die Grenzverbände haben z. B. nicht ausreichend bei den Verwerfungen im Zusammenhang mit der Regierungsbildung in diesem Jahr reagiert und ihre kulturellen und kulturpolitischen Strukturen dargelegt. Einige Stichwörter hierzu sind:
- Strukturierung, Benennung der kulturellen Fähigkeiten
- Erkennen von Gegeneinander/Miteinander
- Erkennen von Grenzen als kulturelles Experimentierfeld
- Abgrenzung von Kulturen gegeneinander
Dabei sollten diese Unterschiede eher deutlich hervorgehoben werden als klein geredet oder gar vermieden. Davon haben Kulturen mehr, da Kultur vom Gegensatz und nicht von der Einebnung der Unterschiede lebt.
Dann können Kulturen einander selbstbewusst begegnen, um tiefe Beziehungen zu erreichen.
Schulbegegnungen zwischen Dänemark und Deutschland, die ausgesprochen selten sind, wären hierfür eine gute Möglichkeit.
Kultur in Schleswig-Holstein ist auch deutsche Kultur und wir sollten uns einmal die Frage stellen, was uns kulturell von unseren Nachbarn unterscheidet, etwa im Bereich Medienarbeit. Ebenfalls sollte eine Auseinandersetzung mit der Geschichte erfolgen. Derzeit gibt es hierzu eine Initiative des Schleswig-Holsteinischen Landtages in Zusammenarbeit mit den deutschen und dänischen Schulen Louisenlund, Duborg und Apenrade zum Thema „Spuren der Geschichte im deutsch-dänischen Grenzland“. Hierbei handelt es sich um ein grenzüberschreitendes Unterrichtsprojekt.
Es geht bei einem Differenzkonzept darum, mehr über uns, aber auch mehr über die Anderen zu erfahren, uns selbst kennen zu lernen und den Nachbarn, kulturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu finden und Entwicklungsmöglichkeiten auf beiden Seiten zu suchen.
Kontaktaufnahmen zum Kennenlernen beiderseits der Grenze sind notwendig. Spezifisches der Region, wie z. B. Tourismus, Wassersport, Literatur, Musik, bildende Kunst, Museen usw. sollte verglichen werden. Die Kultur in ihrer Unterschiedlichkeit sollte durch Analyse und Kommunikation und nicht durch Harmonisierung erarbeitet werden. Forschung und Forschungsförderung in der Grenzregion zu diesen Bereichen sind nur in sehr geringen Maßen vorhanden. Ein Zudecken von Unterschieden wäre falsch; richtig ist es, kulturelle Schranken und Grenzen zu erkennen, Typisches zu entdecken und zu benennen.
Hier liegen zahlreiche Aufgaben für die vier Grenzverbände, die ihre Aufgaben immer in der Analyse und Darstellung von Situationen – sozusagen zwischen den Lagern – gesucht und gefunden haben.
Arbeitsgemeinschaft Deutsches Schleswig: www.ads-flensburg.de
Deutscher Grenzverein: www.scheersberg.de/wir_ueber_uns_grenzverein.php
Schleswig-Holsteinischer Heimatbund: www.heimatbund.de



