60 Jahre soziales, kulturelles und sozialpädagogisches Engagement im deutsch-
dänischen Grenzraum.
Presse
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Artikel zur deutsch-dänischen Stadtgeschichte
Kinder unter drei Jahren im Kindergarten – welche Bedeutung hat der "Frühstart" für Kinder, Eltern und Erzieherinnen?
Streiflicht 01/2007
Zum 01.01.2005 ist das „Gesetz zum qualitätsorientierten und bedarfsgerechten Ausbau der Tagesbetreuung für Kinder (Kindertagestättenausbaugesetz - TAG)“ in Kraft getreten. Durch dieses Gesetz wird die gesellschaftliche Bedeutung der Tagesbetreuung herausgestrichen und die Vereinbarkeit von Familie und Arbeitswelt verbessert.
Der Ausbau der Tagesbetreuung von Kindern unter 3 Jahren soll insbesondere
- den Anspruch von Kindern auf Betreuung, Bildung und Erziehung einlösen,
- die Eltern bei der Wahrnehmung ihrer Erziehungsverantwortung unterstützen und ergänzen,
- Eltern die Möglichkeit eröffnen, Erwerbstätigkeit und Familie miteinander zu vereinbaren und
- eine wesentliche Voraussetzung für die Verwirklichung des Kinderwunsches junger Paare und damit für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft schaffen.
Der Bedarf an Betreuungsplätzen für Kinder von Null bis drei Jahren wird in den letzten zwei Jahren in hohem Maße von Eltern angemeldet. Beinahe sprunghaft wachsen die Voranmeldelisten für die U-3 Betreuung in unseren Einrichtungen an. Durch den demographischen Wandel sind gleichzeitig weniger Anmeldungen für die 3-6 jährigen Kinder zu verzeichnen. So werden Räume und Personal in vielen Kindertageseinrichtungen freigesetzt, die nun für die Betreuung der unter dreijährigen Kinder genutzt werden können. Dies haben viele Gemeinden und Städte erkannt und wollen dieses Potential nutzen. Auch an die ADS werden von Seiten der Kommunen Wünsche für den Ausbau von Familiengruppen und Krippenplätzen sowie erweiterte Tagespflege gerichtet.
In meinem Artikel werde ich weniger auf die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Interessen zu diesem Thema eingehen. Vielmehr geht es darum darzulegen, welche Anforderungen die Tagesbetreuung von Kleinkindern an unsere Kindertageseinrichtungen stellt und welche Bedeutung sie für Kinder, Eltern und Erzieherinnen im täglichen Miteinander darstellt.
Die Bedeutung der Betreuung von unter drei jährigen Kindern für die Einrichtung Die Tagesbetreuung von Kindern unter drei Jahren erfordert eine ganz besondere Verantwortung, denn in den ersten Lebensjahren werden die Grundlagen für die Entwicklung der Persönlichkeit gelegt. Die frühe Kindheit beinhaltet sehr große Chancen zum Aufbau von Kompetenzen, aber auch Risiken.
An erster Stelle brauchen die Kinder eine sichere Bindung an erwachsene Bezugspersonen und eine intensive emotionale Betreuung. Die Bindungsarbeit ist auch die erste Bildungsarbeit. Über eine individuelle Ansprache, Zuwendung und Aufmerksamkeit entwickeln die Kinder ihre Persönlichkeit, ihre Kommunikationsfähigkeit(Spracherwerb) und ihre sozialen Kompetenzen. Kleinkinder benötigen ein erhöhtes Maß an Unterstützung beim An- und Ausziehen, beim Essen, in der Hygiene. Die individuelle und kontinuierliche Beziehung zu den Kindern durch qualifizierte Fachkräfte in ausreichender Zahl ist deshalb von zentraler Bedeutung.
Für die Einrichtung heißt das, die Erzieherinnen durch Fortbildung zu qualifizieren, die Entwicklung von Kleinkindern zu begleiten und zu fördern. Dienstpläne müssen so gestaltet sein, dass die speziellen Bedürfnisse der Jüngsten nach Bindungspersonen berücksichtigt werden. Das ist nicht immer leicht, da der Stundenschlüssel oft nur die Arbeit an dem Kind abdeckt und für Vor- und Nachbereitung, Dokumentation der Entwicklung der Kinder, so wie für Gespräche mit den Eltern nur wenig Zeit berechnet ist. Im Team muß die Arbeit mit unter 3 jährigen Kindern und die damit verbundenen Veränderungen z. B. im Tagesablauf reflektiert werden. Die mit der Betreuung der Kleinkinder beauftragten Erzieherinnen brauchen die Wertschätzung und Unterstützung der Kolleginnen für diese verantwortungsvolle Aufgabe, die oft nicht den Stellenwert einer Bildungsarbeit genießt. Angesichts des hohen Anspruchs an die Betreuung, Bildung und Erziehung für diese Altersgruppe sollten die am besten ausgebildeten Erzieherinnen für die Arbeit mit den unter 3 jährigen eingesetzt werden.
Ein besonderes Augenmerk sollte auch auf die Räume und ihre Ausstattung für die Jüngsten in der Einrichtung gelegt werden. Ein hohes Maß an Sicherheit sollte eine anregungsreiche Gestaltung nicht ausschließen. Die Räume sollten so ausgestattet sein, dass die Kinder zum Bewegen und zum Erforschen aufgefordert werden. Sie sind entscheidende Faktoren für die Handlungs- und Erfahrungsspielräume der Kinder. Die Auswahl von Spielmaterial und Möbeln sollte das selbstständige Handeln der Kinder ermöglichen. Eine klar erkennbare Gliederung in Rückzugsmöglichkeiten, Spiel- und Aktionsecken für ein ungestörtes Spiel in kleinen Gruppen, so wie Schlaf und Essbereiche geben den Kindern Orientierung. Hygieneeinrichtungen und Wickeltische sollten die Intimsphäre der Kinder gewährleisten. In der Reggio-pädagogik wird auch vom „Raum als der dritte Erzieher“ gesprochen.
Die Bedeutung der Betreuung ihrer Kleinkinder für die Eltern?
Im letzten Jahrzehnt hat sich die Lebenssituation von Familien drastisch verändert. Die klassische Familie kommt immer seltener vor, an ihre Stelle sind viele verschiedene Formen des Zusammenlebens getreten. Knappe finanzielle Möglichkeiten und die Auflösung eines traditionellen Nachbarschafts- und Familiennetzes führen viele Familien in die Isolation. Mehr Frauen als früher sind berufstätig und die Zahl der Alleinerziehenden steigt stetig an. Mehr als 50 % aller Kinder wachsen ohne Geschwister auf und ihr Lebensumfeld wird zunehmend durch drohende Gefahren des Straßenverkehrs eingeengt; ein zufälliges Treffen von Spielkameraden im Freien ist immer seltener möglich. Die Anmeldung von Kleinkindern in einer Kindertageseinrichtung beinhaltet also auch den Wunsch, dass das Kind hier Möglichkeiten vorfindet, die ihm innerhalb der Familie nicht in diesem Maße gegeben werden können. Besonders der Kontakt und Bindungen zu anderen Kindern werden genannt.
Die Kindertageseinrichtung kann und will nicht die Eltern ersetzen, sondern sie in ihrem Erziehungsauftrag unterstützen. Dafür ist ein gelingender Übergang von der Familie in die Kindertageseinrichtung erforderlich. Die Eingewöhnungsphase trägt entscheidend dazu bei, ob Eltern und Kinder sich in der neuen Situation wohl fühlen und ein vertrauensvolles Verhältnis zur Einrichtung und den Erzieherinnen entsteht. Es muss einen Austausch darüber geben, welche Gewohnheiten die Kinder beim Essen, Schlafen gehen, beim Wickeln, beim An- und Ausziehen kennen, damit durch diese Rituale Sicherheit entsteht und die Kinder sich geborgen fühlen. Durch Gespräche mit den Eltern im Kindergarten oder bei Hausbesuchen können sich die Erzieherinnen ein Bild über die Entwicklung des Kindes machen. Wichtig sind auch Informationen über den Gesundheitszustand, wenn das Kind an chronischen Krankheiten oder Lebensmittelunverträglichkeiten leidet. Eltern sollten die Möglichkeit haben (und diese auch nutzen), ihr Kind in den ersten Tagen in der neuen Umgebung zu begleiten und gemeinsam eine Bindung zur Erzieherin als neue Bezugsperson aufzubauen.
Erzieherinnen und Eltern sollen einen Dialog über die gegenseitigen Erwartungen führen, denn eine Erziehungspartnerschaft setzt einen Prozess von gegenseitiger Wertschätzung und Akzeptanz voraus. Eltern sollen von Seiten der Erzieherinnen als Experten für ihr Kind angesehen werden und Erzieherinnen von Seiten der Eltern als qualifizierte Fachkräfte, die ihr Wissen und ihre Kompetenzen den Eltern zur Verfügung stellen wollen. Ereignisse, Entwicklungsschritte oder andere Begebenheiten, die im Alltag der Kindertageseinrichtung passieren, sollten für Eltern und Kinder dokumentiert werden. Dies ist ein wichtiger Baustein, um Eltern in ihrer Erziehungsverantwortung zu begleiten und zu stärken.
Welche Bedeutung hat die Betreuung in einer Kindertageseinrichtung für die unter dreijährigen Kinder?
Die Kleinkindforschung weist uns heute nach, dass der Kontakt zwischen Gleichaltrigen vom Säuglingsalter an positive und weitreichende Auswirkungen sowohl auf die sozial-emotionalen Kompetenzen als auch auf die motorischen und kognitiven Fertigkeiten der Kinder hat.
Durch die Beobachtung, was andere Kinder machen, durch gegenseitiges Reagieren auf ihre Handlungen und im Dialog mit den anderen erfahren die Kinder weitere Handlungsmöglichkeiten und ihre eigene Wirkung auf ihr gegenüber. Sie ahmen andere Kinder nach, probieren sich selber aus und lernen so das eigene „Ich“ besser kennen. Die Eigenwirksamkeit ist der wichtigste Schritt, Vertrauen in sich selbst und die Welt zu bekommen.
Durch Raumausstattung, Materialien und pädagogische Angebote wird die Wahrnehmung der Kinder unterstützt. Die Wahrnehmung ist für Kleinkinder der Zugang zur Welt. Mit allen Sinnen begreifen heißt, sich die Welt zu erobern und zu lernen. Bei Angeboten der Erzieherinnen sollte immer die ganzheitliche Sicht auf die Dinge im Vordergrund stehen, durch riechen, schmecken, fühlen, hören, sehen erfahren die Kinder Sinn-Zusammenhänge. Die Lust, sich die Welt anzueignen, sie zu erforschen und sich ein Bild von ihr zu machen sollte die Pädagogik für die Kleinkinder zum Ziel haben. Schon Aristoteles wußte "Nichts geht in den Geist, was nicht vorher in den Sinnen war."
Um in der Einrichtung heimisch werden zu können, muss das Kind konstante Bindungen zu Erwachsenen und Kindern aufbauen. Möglichst wenig Wechsel von Bezugspersonen, viel Zuwendung und individuelles Eingehen auf ihre Bedürfnisse fördern ihr Vertrauen in die Welt. Nur auf dieser Basis wird es gelingen, alle Potentiale der Kinder zur Entwicklung ihrer Persönlichkeit zu nutzen. Bindung und Bildung sind die Schlüsselwörter für die Betreuung der kleinen "Frühstarter".
Susanna Leschinski
Kindergarten "Harrislee"
Das Schullandheim - Das Haus, im dem oft nur unbewusst gesammelt wird?!
Streiflicht 01/2007
Ein Aufenthalt im Schullandheim ist darauf angelegt in ungewohnter Umgebung zu lernen. Es werden Ausflüge gemacht, man bearbeitet Projekte, man wohnt miteinander in einem Zimmer. Es werden neue Erfahrungen gesammelt.
Unter vielen Menschen ist es eine Leidenschaft, etwas sammeln zu können. Bewusstes und zielgerichtetes Sammeln führt oft zu erstaunlichen Anhäufungen von Erinnerungen. Eigentlich sammelt man nur wenn es Spaß macht, wenn man selbst den Erfolg des Sammelns, den Wert der Sammlung erkennen kann.
Die Eindrücke, die Schüler bei einem Schullandheimaufenthalt sammeln, werden viel zu oft durch die rasche Folge von Programmpunkten und Unternehmungen zugedeckt. Es bleibt nicht die Zeit, die Erlebnisse ins Gedächtnis zurück zu holen und durch ein Überdenken des Erlebten eine Verarbeitung der Erfahrungen zu ermöglichen.
Ist ein Aufenthalt nur ein „Brainstorming“, d. h. eine Anhäufung von Schlagworten, ohne die Möglichkeit, diese zu verknüpfen und mit Inhalt zu füllen, verpasst man die Chance, etwas Grundsätzliches bei den Schülern zu bewegen.
Das Sammeln von Erfahrungen, die bewusste Verarbeitung der Erlebnisse und der Gedankenaustausch mit den Klassenkameraden oder der Klassenlehrkraft dient dazu, die Eindrücke zu vertiefen.
Insbesondere durch den Austausch von Meinungen mit anderen Schülern zu einer Sache und den gewährten Zeitraum, darüber zu sprechen, wird dem Einzelnen Gelegenheit gegeben, Eckpunkte zu sehen und Werte einzuordnen.
Geschieht so etwas, wird damit auch ein Empfinden für ein soziales Gefüge geübt. Ein Wertmaßstab wird aufgebaut. Ob dieser Maßstab nun richtig ist, ob der junge Mensch mit seinen Vorstellungen in seinem Umfeld zurecht kommt, das sollte er ausprobieren können. Erst dann kann er diesen Maßstab verinnerlichen.
In einem Leben allein vor dem Monitor, allein unter Erwachsenen, oder umringt von dominanten „Freunden“ wird ein Ausprobieren nicht möglich sein. Das soziale Konzept der Vergangenheit war Vorbildleben der Eltern, das Zusammenleben in der Familie, mit den Verwandten und der Nachbarschaft. Die Zeit ist offenbar vorbei.
Heute ist der junge Mensch oft allein. Obwohl viele Menschen um ihn herum leben und von einem Ereignis zu dem nächsten eilen, ist eine soziale Bindung nicht selbstverständlich.
Es fehlt das Sammeln von Erfahrungen im bewussten Zusammensein mit anderen, das Gefühl, mitzumachen, den Erfolg der Gemeinsamkeit zu spüren.
„Was ist mir etwas wert?“ Stellt man sich so eine Frage, heute? Wohl kaum! Es ist nicht nur unmodern, den Satz so zu formulieren, die Sprache unter uns Menschen und damit auch unter den jungen Menschen hat sich verkürzt. Die Nutzung von Wortteilen aus anderen Sprachen, die Umschreibungen mit einem Wortteil zu benennen ist modern geworden. Diese Wortteile werden dann auch meist unreflektiert benutzt und weiterverwendet. Was heißt eigentlich „cool“?
Die Überprüfung, ob das eigene Handeln, ob die eigene Umgehensweise mit den Klassenkameraden geeignet ist, um soziale Bezüge aufzubauen, findet oft genug nicht statt. Lässt der Unterricht in der Schule dafür überhaupt einen Spielraum? Hat man im häuslichen Umfeld Gelegenheit dazu?
Wenn jungen Menschen heute nicht mehr die Gelegenheit dazu haben, ihre Erfahrungen zu sammeln, zu sortieren und aufzuheben, dann hat das sicher nicht nur mit einer Unlust des jungen Menschen zu tut. Es ist sicher auch so, dass wir, die Gesellschaft um den jungen Menschen herum, ihm keine Zeit dazu lassen. Es bleibt nur noch wenig Zeit, um Kind sein zu dürfen. Rasch werden „Heranwachsende“ in die Rolle von mündigen Bürgern gepresst. Eine Kontrolle, ob ein Mensch mündig geworden ist, gibt es kaum. „Das Verschwinden der Kindheit“ (1), so lautet der Titel eines Buches von Neil Postmann. In Fachkreisen fand es durchaus Beachtung. Darüber hinaus blieben seine Gedanken ohne große Beachtung. Leider hat er mit seiner These Recht behalten: „Die Kindheit, der Schutzraum, in dem der jungen Mensch lernen darf, die Grenzen des Zusammenlebens antasten kann, wird kleiner, weniger“.
Das Sammeln von Erfahrungen, die Herausbildung von Wertmaßstäben, mit denen das Zusammenleben funktionieren kann, das Erwerben von sozialer Kompetenz, das sind zwar alte Tugenden, die mag man vielleicht für nicht zeitgemäß halten. In der neuen, modernen Zeit sind uns aber keine neuen Handlungsmuster aufgezeigt worden, die ein an Gemeinschaft orientiertes Zusammenleben ohne Wertmaßstäbe möglich machen könnte.
Bei einem Aufenthalt im Schullandheim ist die Gelegenheit vorhanden, das Sammeln so intensiv zu gestalten, dass sich die Schüler einer Klasse bewusst mit Werten auseinandersetzen können. Das muss keine theoretische, trockene Abhandlung sein. Die Instrumente dazu sind gemeinsames Handeln (Interaktionen), Spiele, Sport, Projekte – eben das, was man eigentlich bei einem Schullandheimaufenthalt macht. Es muss nur die Zeit und Hilfe angeboten werden, die Erlebnisse verarbeiten und bewahren zu können.
Ein Aufenthalt über mehrere Tage, außerhalb des Schullalltages, sollte eben nicht nur bloße Aktionen und Attraktivitäten beinhalten. Die Schullandheime bieten den Freiraum, die Schüler sammeln zu lassen. Es ist eigentlich nicht so wichtig, was im Einzelnen gesammelt wird, wichtig ist das Sortieren und das übersichtliche Aufbewahren, damit man die Werte wieder findet.
Das Schullandheim, ein Haus das wir seit langem als ein Haus des besonderen Erlebens kennen, ein Haus, in dem Spaß und geselliges Miteinander im Mittelpunkt stehen, es sollte weiter mit diesem Inhalt erlebt werden. Gibt man auch noch Gedanken, die zu einer Wertebildung beitragen können, Raum, dann können die Schüler viel einsammeln, so ganz nebenbei.
(1) Das Verschwinden der Kindheit. von Neil Postman von Fischer (Tb.), Frankfurt (Taschenbuch - 1983)
Helge Jansen
„Gerd-Lausen-Haus“ Rantum
ADS-Schullandheim Rantum seit 1981 Leichtathletik-Trainingscamp
Streiflicht 01/2007
Sportler des MTV 49 Holzminden bereiten sich zum 26. Mal auf Sylt vor
Anfang der 80er Jahre setzte unter den Leichtathleten in Vereinen und Verbänden ein allgemeiner Trend zu österlichen Trainingslagern – zumeist in wärmeren Gefilden – ein. Man floh vor den wenig frühlingshaften deutschen Temperaturen nach Rimini, Igea Marina oder Monte Gordo, um die in der langen Winterzeit antrainierten Muskelpartien zu präsentieren und sich auf die Freiluftsaison vorzubereiten. Die Leichtathleten des MTV 49 Holzminden folgten diesem Trend – allerdings nicht so ganz: Während es die meisten Sportkollegen nach Süden zog, verließen sie das heimische Weserbergland in nördlicher Richtung. Seit 1981 ist das ADS-Schullandheim in Rantum auf Sylt – und damit in diesem Jahr zum 26. Mal - Trainingscamp der erfolgreichen MTV-Mannschaft. Zu diesem Team gehören und gehörten in den letzten Jahren deutsche Meister im Stabhochsprung und Speerwurf, norddeutsche Meister in verschiedenen Disziplinen, diverse Niedersachsenmeister und eine Weltrekordhalterin im Stabhochsprung der Schülerinnen.
Was macht Rantum so attraktiv für die Holzmindener? Hier gibt es keine Kunststoffbahn, keine Werferfelder, keine Stabhochsprungmatten, keinen Kraftraum, keine Weitsprunganlagen, keine ausreichend große Sporthalle, keine leichtathletischen Geräte – all die Dinge, die die MTVer zu Haus den ganzen Winter über vorfinden. Aber hier gibt es Sand – und davon jede Menge, unebene Sportfelder, eine wohnzimmergroße Spielhalle, hölzerne Stege zum Strand, Wanderwege durch Dünen und Kiefernwälder und viel frische Luft. Diese Umgebung abseits der sonst üblichen Bedingungen zwingt die Trainer und Betreuer immer wieder zu reizvollen Improvisationen – zumal man zu dieser Jahreszeit auch noch mit dem Wetter „spielen“ muss.
So folgen die MTVer also alljährlich weniger „ausgetretenen Pfaden“ und bereiten sich abseits von Halle und Stadion auf die nahe Saison vor. In ihrem Reisebus transportieren sie dafür jedes Jahr die benötigten Gerätschaften, darunter Wurfgeräte, Stabhochsprungstäbe, Bälle und ein ganzes Arsenal an Hanteln und Gewichten. Das Trainingsprogramm des zehntägigen Aufenthaltes ist im Laufe der Zeit immer vielfältiger geworden und fordert von jedem Teilnehmer je nach Alter vollen Einsatz.
34 Syltfahrer waren es in diesem Jahr, die bei teilweise recht rauen äußeren Bedingungen ihr Training absolvierten: Sprints im Sand bergab und bergauf je nach Zielsetzung, Sprünge aller Art auf Sand und Holz, spezielles Ausdauertraining je nach Alter und Qualifikation, Krafttraining – abgestimmt auf alle Altersstufen, Akrobatik und Stabilisationsübungen am Strand, Maßnahmen zur Verbesserung der Beweglichkeit, Verbesserung aller leichtathletischen Techniken – es gab genug zu tun in den zehn Tagen des Aufenthaltes. Mit jedem Tag wurden die Beine schwerer und leichte muskuläre Probleme konnten dabei nicht ausbleiben. Wie immer wurde das Meiste jedoch mit „bordeigenen“ Mitteln und den nötigen physiologischen Kenntnissen behoben.
Neben dem täglichen Training kommt aber auch die Freizeit nicht zu kurz. Gruppenweise wird das nahe Westerland „unsicher“ gemacht, man besucht das Wellenbad „Sylter Welle“, unternimmt ausgiebige Strandspaziergänge, gibt sich Spielen aller Art oder einfach nur dem „Chillen“ hin. Zur Förderung der Regeneration werden zusätzlich Einführungen in Entspannungsstrategien angeboten. Einen festen Platz im Lagerablauf hat das „Sylt-Spiel“, das für die Teilnehmer eine Herausforderung in mehreren Etappen darstellt Es läuft in jedem Jahr anders ab, nach getaner „Arbeit“ gipfelt es aber immer im Öffnen der mitgebrachten Schatzkiste, an deren Inhalt jeder Mitspieler teilhaben darf. In diesem Jahr war sicherlich der Gesangs-Gruppen-Wettbewerb „Rantum sucht den Superstar“ Höhepunkt des Spiels.
In jedem Jahr verursacht die Ankündigung der traditionellen „Sylt-Taufe“ Gänsehaut – nicht nur wegen der niedrigen Luft- und Wassertemperaturen. Üblicher Weise werden jedes Jahr die „Neuen“ in der Nordsee „versenkt“, bevor es in einer wahren Wasserschlacht am Ende mehr oder weniger alle Lagerteilnehmer trifft. Zwar ging der Kelch auch diesmal an einigen „Unermüdlichen“ nicht vorüber; aber um keine unnötigen gesundheitlichen Probleme zu riskieren, wurde der Hauptteil der Aktion unter die Duschen des Schullandheims verlegt – Aufwischen der Flure und Treppen inklusive, versteht sich.
Einen nicht geringen Anteil am weiteren Erfolg der MTV-Leichtathleten hat die gute Küche des Schullandheims, deren Angebot in den letzten Jahren immer besser und vielfältiger geworden ist. Mit dieser Verpflegung lassen sich in der Tat Olympiasieger züchten. Und wenn das auch bisher nicht so ganz geklappt hat – die MTVer werden es auch in den kommenden Jahren mit ihrem Trainingslager in Rantum wieder versuchen.
Klaus Roloff









